Sucht im Alter, Thema im Kreisseniorenrat

Das Thema Sucht im Alter hat erneut den Kreisseniorenrat beschäftigt. In seiner letzten Vorstandssitzung referierte Hartwig von Kutzschenbach, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes für alte Menschen (SOFA) über dieses wichtige Thema. Er führte aus, dass Alter heute sowohl mit positiven Attributen wie Wohlstand, Bildung, Mobilität, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit gekennzeichnet ist, als auch mit eher negativen Begriffen, wie Armut, Krankheit und Behinderung, Immobilität, Fremdbestimmung und Abhängigkeit. Bei Menschen mit Suchtproblemen muss man auch immer diese zweite Seite im Blick haben. Bei den Suchtmitteln stehen Alkohol (bei Männern), Medikamente (bei Frauen) und Nikotin im Vordergrund. Zu den suchtfördernden Faktoren zählt der Referent einen zunehmenden Sinn- und Wertverlust, die Mehrfacherkrankungen vieler ältere Menschen, Altersdepressionen und Angst machende schnelle Veränderungen in der Gesellschaft. Vor Sucht schützende Faktoren sind hingegen eine positive Lebensbilanz, Lebenszufriedenheit, befriedigende Sozialkontakte, das Gefühl gebraucht zu werden und die Erfahrung, kritische Lebensereignisse in früheren Jahren gut gemeistert zu haben.

Allerdings werden wir uns mit einer Zunahme von Sucht im Alter auseinandersetzen müssen. Die Gründe hierfür sind, dass der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung steigt, die jetzige Generation mittelalter Menschen mit einem deutlich höherem Konsum an psychoaktiven Substanzen aufgewachsen ist und das erworbene Konsumgewohnheiten, trotz Toleranzminderung, im Alter beibehalten werden. "Bereits heute sind 20% aller Menschen in Deutschland über 60 Jahre alt und diese 20% erhalten ca. 65% aller verordneten Medikamente," führt Hartwig von Kutzschenbach aus. Problematisch sei auch, dass für die Menschen die Unterschiede zwischen Medikamenten als Heilmittel und als Suchtmittel oft nicht erkennbar seien.

  • Erschwerend in der Behandlung von Suchtproblemen seien zusätzlich gesellschaftliche Haltungen (Vorurteile) wie:
  • Es lohnt sich nicht, ältere Suchtkranke zu behandeln
  • Wegen der begrenzten Lebenserwartung sollte man älteren Menschen die Anstrengungen einer Therapie nicht mehr zumuten
  • Man kann einem alten Menschen doch nicht das Viertele Wein wegnehmen, was hat er denn sonst noch
  • Ältere Menschen sind geistig (körperlich) zu unbeweglich, um eine Therapie aktiv mitmachen zu können
  • Ältere Menschen können sich nicht mehr verändern

Motivierend hingegen könnte die Sehnsucht nach Wiederherstellung der Würde sein, das sich wieder respektieren können, eine Zunahme an Lebensqualität und eine neue Sinnfindung im Leben zu haben.

Behandlungsmöglichkeiten für ältere Menschen werden inzwischen angeboten. Die Einrichtungen haben keine Altersbeschränkungen mehr. Manche Einrichtungen haben sich auf ältere Menschen spezialisiert bzw. bieten spezialisierte Angebote an. Allerdings sei noch immer ein verbreitetes Nichtwissen über solche Behandlungen bei Patienten und Ärzten vorhanden.

Hartwig von Kutzschenbach referierte dann über die Angebote im Landkreis und zeigte auf, wie sich die Versorgungsstruktur entwickelte. Als Besonderheit in Baden-Württemberg gab es schon seit 1985 die Einrichtung SOFA, angesiedelt bei der Landkreisverwaltung, die sich schon früh fachlich mit dem Thema „Sucht im Alter“ befasste. SOFA entschied sich konzeptionell, mit ihren bestehenden Personalressourcen auch die Zielgruppe der suchtkranken alten Menschen zu versorgen, auch in aufsuchender Arbeit.

In den Suchtberatungsstellen wurden keine spezifischen Angebote aufgebaut. Die Zielgruppe suchtkranker alter Menschen wird in den bestehenden Beratungs- und ambulanten Therapiegruppen versorgt. In den Suchtberatungsstellen gibt es darüber hinaus einen verbindlichen Ansprechpartner für das Thema.

Als ein großer Vorteil für eine enge Zusammenarbeit hat sich die kommunale Trägerschaft sowohl der Stelle der Beauftragten für Suchtprophylaxe als auch der Suchtberatung und von SOFA erwiesen, was kurze Wege, schnelle Entscheidungen und unbürokratisch bedarfsgerechte Kooperationen ermöglicht.

Über Presse und direkte Anschreiben konnten für eine Fachgruppe „Sucht im Alter“ im Landkreis Vertreter/innen der Einrichtungen der ambulanten Altenhilfe, Diakonie- und Sozialstationen, der stationären Altenpflege, der offenen Seniorenarbeit, Kreisseniorenrat, Gesundheitsamt, Krankenkassen, (Klinik-)Ärzte, Sozialdienste der Krankenhäuser, Selbsthilfegruppen, Landfrauen, Altenhilfefachberatungen, Suchtberatungsstellen und SOFA gewonnen werden.

Zielsetzung der Fachgruppe, unter Federführung der Beauftragten für Suchtprophylaxe, war Bestandsaufnahme und Informationsvermittlung, Feststellung aktueller Entwicklungen und Bedarfe, die Erarbeitung und gemeinsame Durchführung von Angeboten und Veranstaltungen, Pressearbeit und die Erstellung von Öffentlichkeitsmaterialien. Es gab zu Beginn der Arbeit bundesweit noch wenige Faltblätter für Fachkräfte und Betroffene zu dieser Thematik, weshalb von der Fachgruppe mit entsprechenden Untergruppen drei Flyer „Sucht im Alter“ gemeinsam entwickelt und gestaltet wurden (für Fachkräfte der Alten- und Krankenpflege, pflegende Angehörige und Mitarbeiter in der Offenen Seniorenarbeit).

Zusammenfassend stellte der Referent folgende Überlegungen vor:

  • Die Zahl alter Menschen und mit ihnen die Zahl der Suchterkrankten wird weiter zunehmen
  • Sucht ist heute schon die dritthäufigste psychische Erkrankung im Alter nach Depression und Demenz
  • Für die weniger mobilen Menschen muss es aufsuchende Hilfen geben. Dazu bedarf es auch der Schulung von Mitarbeitern der Altenhilfe
  • Eine Sensibilisierung und Weiterbildung der Ärzte ist notwendig
  • Grundlage für gemeinsames Vorgehen ist eine gute und verbindliche Kooperation der sozialen Dienste

Hartwig von Kutzschenbach
23.12.2009    

 
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